Jan 21

Heute möchte ich Ihnen ein Buch von Vera F. Birkenbihl vorstellen, dass einige interessante Themen im Bezug auf Genialität und Lernen anspricht. Es handelt sich um ihren Klassiker Stroh im Kopf? Vom Gehirn-Besitzer zum Gehirn-Benutzer.
Das Buch ist ein Bestseller und wurde schon über 600.000 mal verkauft. Die erste Auflage erschien 1983 und wurde seitdem von Frau Birkenbihl je nach Notwendigkeit mit jeder neue Auflage aktualisiert oder sogar vollkommen überarbeitet. Inzwischen liegt die 47. Auflage vor.

Meine Rezension bezieht sich auf die 46 Auflage aus dem Jahr 2006.

Dieses Buch hat also schon eine lange Geschichte hinter sich. Bei Stroh im Kopf handelt es sich also nicht um ein Buch irgendeines Möchtegern-Experten, der es nach einigen Wochen Recherche geschrieben hat, sondern es ist das Buch einer Expertin, die sich schon seit Jahren mit diesem Thema beschäftigt. Frau Birkenbihl hat in dieser langen Zeit viele eigene Ideen und Methoden entwickelt, die sie selber sehr authentisch nutzt und auch mit ihren Seminarteilnehmern in der Praxis ausgiebig erprobt hat.

Wer ist Vera F. Birkenbihl? Sie ist nach eigener Aussage (!) eine der ganz Großen in der deutschen Seminar-Szene mit duzenden erfolgreichen Seminaren und Workshops zu den unterschiedlichsten Bereichen wie z.B. Lernen, Gehirnforschung, Erfolg und darüber hinaus. Neben einigen veröffentlichten DVD’s und Hörbüchern ist sie auch Autorin und hat einige sehr erfolgreich verkaufte Bücher geschrieben und tritt auch gelegentlich im Fernsehen z.B. bei BR Alpha auf. Ihr Buch-Bestseller ist das heute vorgestellte Stroh im Kopf.
Bei Stroh im Kopf handelt es sich um ein hoch gelobtes aber auch hoch verabscheutes Buch, was unter anderem mit der Persönlichkeit von Frau Birkenbihl zusammenhängt, aber auch mit dem teilweise wirren und chaotischen Konzept, dass hinter dem Buch steht und nicht gleich jedem zugänglich ist.

So ist Stoh im Kopf kein von vorn bis hinten zu lesendes Lehrbuch, sondern ein in Modulen aufgebautes Buch, bei dem die Module für sich selber stehen können, ohne dass man die anderen Kapitel gelesen haben muss. Dieses Konzept geht leider nur bedingt auf, was neben anderen Punkten für große Kritik gesorgt hat.

Was bietet Stroh im Kopf? Neben Lern- und Kreativitätstechniken bietet es spezielle Module zum Sprachen lernen, Lesetechniken, Rhetorik sowie Techniken für mündliche Prüfungen und vieles weitere mehr.

Zum Bereich Kreativität und Genialität tragen insbesondere die Kapitel. 6 (Lernen, aber was?) und 7 (Lernkurven gefällig?) bei.

Im Kapital 6 wird der Unterschied zwischen Wissen und Können erläutert und das man unterschiedliche Strategien braucht um jeweils das eine oder andere (oder auch beides) zu entwickeln.
Viele Menschen werden wahrscheinlich gar nicht wissen, dass es überhaupt diesen Unterschied zwischen Wissen und Können gibt und alleine diese Kenntnis bringt schon einen großen Nutzen an sich. Ansonsten sammelt man immer mehr Wissen an und wundert sich, dass daraus nicht automatisch auch Können entsteht.
Unter Wissen versteht Vera Birkenbihl alles was mit Fakten und Daten und generell Informationen und deren Aufnahmen und Wiedergabe zusammenhängt. Unter Können versteht sie nur, was wir auch tatsächlich dann in Handeln umwandeln können.

Hier sein z. B das Schreiben im 10 Finger System genannt. Wir können z.B. viel über das 10 Finger-System lesen und lernen und dadurch eine Menge darüber wissen und trotzdem das 10 Finger System nicht beherrschen.

Etwas zu wissen (selbst zu wissen, wie es geht) ist also nicht genug und bedeutet nicht, dass wir das, was wir wissen, auch in eine Fähigkeit – also in ein Können – umsetzen können. Und damit verbunden ist auch die Einsicht, dass Lernstrategien, die darauf abzielen Wissen zu erlangen, nicht zwangsläufig dazu führen, dass wir dieses Wissen auch anwenden können. (siehe Schule und Universitäten)

Dabei gibt es jedoch eine gute Nachricht. Wenn sie viel wissen, aber trotzdem wenig können, dann liegt dass nicht an ihrem „Können“, sondern daran, dass sie höchstwahrscheinlich versuchen mit einer Wissensstrategie eine Fähigkeit (ein Können) zu erlagen. Um aber eine Fähigkeit zu erlangen, müssen sie eine andere Strategie verfolgen. Das Erlangen von Fähigkeiten erfordert eine andere Art des Lernens. (Es gibt also mindestens zwei Arten von Lernen.)

In Kapitel 7 wird diese Einsicht weiterentwickelt und es wird auf die unterschiedlichen Lernkurven beim Erlangen von Wissen und Handeln eingegangen.

Die Wissenslernkurve verläuft zu Beginn relativ flach. Je unbekannter für uns das neue Wissensgebiet ist und je weniger Vorwissen wir mitbringen, umso langsamer nehmen wir am Anfang diese neuen Informationen auf. Sobald aber unser Wissensnetz für dieses Gebiet eine bestimmte Anzahl an neuen Verknüpfungspunkten überschritten hat, steigt die Lerngeschwindigkeit extrem stark an. Wir lernen also ab diesem Punkt immer schneller und schneller.

Die Können-Kurve hingegen zeigt einen völlig anderen Verlauf. Das Erlangen von Können geschieht in Sprüngen.

Wenn wir anfangen eine neue Fähigkeit zu erlernen, ist keine kontinuierliche Verbesserung festzustellen. Das Erlernen von Fähigkeiten geschieht hauptsächlich in Sprüngen, die von Plateaus unterbrochen werden, in denen, obwohl wir konzentriert weiter üben, vermeintlich nichts passiert, bis wir wieder einen neuen Sprung in unserem Können erleben.
Hinzu kommt, dass die Geschwindigkeit, mit der wir eine Fähigkeit erlernen, deutlich langsamer abläuft, als die Geschwindigkeit mit der wir Wissen erlangen können.

Einstein braucht z.B. nachdem er 1905 die spezielle Relativitätstheorie entwickelt hatte, nochmal weitere 9 Jahre, bis er die allgemeine Relativitätstheorie abgeschlossen hatte. Ein ausgebildeter Physiker kann heutzutage jedoch das Wissen zur speziellen und allgemeinen Relativitätstheorie in wenigen Tagen bis Wochen erlangen. Die Relativitätstheorie in kurzer Zeit zu verstehen, bedeutet jedoch bei weitem noch nicht, dass man sie anwenden kann und noch weniger, dass man das Können eines Einsteins hätte, die Relativitätstheorie eigenständig zu entwickeln.

Als weiteres ist das Kapitel 12 (T-Training, aber wie?) sehr interessant, in diesem Kapitel wird auf Möglichkeiten eingegangen, wie wir Können erlangen können und was wir dabei zu beachten haben. Die einzige Schwäche dieses Kapitels ist aus meiner Sicht, dass Frau Birkenbihl dabei ein neues Können nur auf ein neues Verhalten beschränkt, wobei meiner Meinung nach auch geistiges Können, wie z.B. das Entwickeln einer Theorie oder Schreiben eines Musikstücks ebenfalls unter Können fällt und nicht als reine Wissenserlangung verstanden werden kann.

Was gibt es sonst noch über das Buch zu berichten?

Leider ist es durchzogen von der selbstgefälligen und teilweise ins überhebliche reichenden Selbstbeweihräucherung von Frau Birkenbihl, die sehr anstrengend sein kann und teilweise doch vom hervorragenden Inhalt des Buches ablenkt. Frau Birkenbihl legt in dutzenden Sätzen dar, was sie nicht alles schon gewusst hat und wie sie doch früher oft für ihre Ansichten kritisiert wurde, welche sich heute aber als richtig herausgestellt haben.

Unterbrochen wird dieses dann noch durch gelegentlichen Eigenlob für ihren tollen Denkstil von dem sie gar nicht wusste, dass er auch andere Genies auszeichnet uuuunnnd noch vieles Nettes mehr erfährt man über die Frau Birkenbihl und wie toll sie doch ist.

Hinzu kommt auch noch das ans Paranoide grenzende verwenden von Copyrights hier und Copyrights dort. (z.B. Lücken-Sprechen ®, Schatten-Sprechen ®, usw.)

Muss man wirklich den Begriff Chor-Methode ® schützen lassen, der einfach beschreibt, dass man eine Sprache mittels einer Audio-CD sehr gut lernen kann, wenn man, wie früher noch oft in den Schulen gemacht wurde, alles im Chor nach spricht? Ich möchte ja Frau Birkenbihl anrechnen, dass sie alte, aber sehr gut funktionierende Methoden wieder entdeckt hat, aber warum muss man sich dewegen den Begriff Chor-Methode® schützen lassen?

Als weiteres werden einige sehr tief greifende Gedanken oberflächlich präsentiert, so dass ich befürchte, dass diese potentiell lebensverändernden Einsichten aufgrund der oberflächlichen Präsentation für tatsächlich oberflächliche Einsichten gehalten werden können, was sie aber nicht sind. (Siehe Kapitel 8: Paradox des Nicht-Ich).

Der Aufbau des Buches kann getrost als chaotisch und wirr bezeichnet werden. Den roten Faden muss man sich durch intensives Arbeiten selber erschließen (wenn man ihn überhaupt findet :) . Überhaupt erfordert dieses Buch eine Menge Arbeit, um sich seinen Reichtum zu erschließen. Dies ist aber auch so von der Autorin gewünscht, denn die meisten Methoden und deren Nutzen lassen sich erst erfassen, wenn man sie wirklich anwendet und mit ihnen arbeitet.

Es gibt aber auch viel Gutes über das Buch zu berichten.
Frau Birkenbihl konzentriert sich auf das, was wirklich funktioniert, wobei sich ihre jahrzehntelange Erfahrung in diesem Bereich auszahlt. Wenn man die Methoden und Tools dieses Buches einsetzt und nutzt, kann man eigentlich am Erfolg damit nicht vorbei.

Insbesondere die Sprachenlernen-Methode von Frau Birkenbihl möchte ich hierbei hervor heben, mit der ich sehr großen Erfolg beim Englisch lernen erzielt habe. (wobei ich hierbei das ausführlichere Buch Sprachen lernen leicht gemacht. Die Birkenbihl-Methode zum Fremdsprachen lernen
empfehlen würde.) Dabei besteht die Birkenbihl-Methode eigentlich größten Teils aus Binsenweisheiten und Selbstverständlichkeiten, die sich aus dem gesunden Menschverstand ergeben (der in der Schule doch oft verloren gegangen zu sein scheint.). Doch das es sich um Binsenweisheiten handelt, sehe ich nicht als Nachteil an sondern eher als Vorteil, weil es zeigt, dass Frau Birkenbihl das Beste von dem zusammengetragen hat, was funktioniert und nicht versucht hat, neue auf den ersten Blick aufregende, sexy Methoden zu entwickeln, die sich im Nachhinein als Rohrkrepierer darstellen.

Es wird oft kritisiert, dass die Zeichnungen und Bilder, die von Frau Birkenbihl selbst gezeichnet wurden und ihre Methode Wörter und Sätze zu formatieren, den Fluss des Buches ungemein stören und seine Aussage schwer zugänglich machen. Ich kann das nur bedingt nachvollziehen, denn eines verkennt diese Aussage.
Frau Birkenbihl gereift zu diesen Mitteln um etwas zu verdeutlichen, was einem so anhand des reinen Wortes nicht so leicht zugänglich wäre. Es wird einem also mit diesen Hilfsmitteln ein enormer und nicht zu verkennender Mehrwert geboten. Dadurch komprimiert sie aber auch eine Menge Informationen, was das Buch einerseits sehr reich an wertvollen Inhalten macht, aber andererseits auch dem Leser eine Menge Dekomprimierungsarbeit macht. Diese Arbeit ist jedoch sehr gut investiert, denn bei aktiver Mitarbeit bleibt einfach mehr im Gehirn hängen als durch passives Konsumieren.

Fazit:
Trotz der vielen Schwächen bietet Stroh im Kopf? Vom Gehirn-Besitzer zum Gehirn-Benutzer
ein unschlagbares Preisleistungsverhältnis. Ich nutze es immer wieder als Nachschlagewerk, doch man kann es auch hervorragend als Handbuch verwenden, um z. B. eine Sprache zu erlernen.
Leider tut Frau Birkenbihl dem Buch und sich selbst nichts Gutes durch ihre extremes Selbstmarketing und ihre paranoide Angst davor, dass ihre Gedanken geklaut werden könnten. Alles in allem trotzdem ein sehr empfehlenswertes Buch mit vielen hilfreichen und funktionierenden Methoden, um sich z.B. für eine Prüfung vorzubereiten, eine Sprache zu erlernen, seine Kreativität zu entwickeln und sich neue Verhaltensweise (z.B. bessere TV Gewohnheiten) anzueignen.

written by Hueseyin \\ tags: , , , , , , , ,


3 Responses to “Stroh im Kopf?”

  1. 1. Milliardaere Says:

    Ich habe das Buch ebenfalls gelesen, fand es allerdings nicht so gut. Das liegt aber vermutlich daran das mir einfach ihr Schreibstil nicht gefällt. An und für sich gehört Birkenbihl zu einer der “großem” im Geschäft

  2. 2. Hueseyin Says:

    Das kann ich nur bestätigen. Ihr Schreibstil ist wirklich gewöhnungsbedürftig. Aber die Inhalt sind Gold! Bei den Birkenbihl Büchern kann ich nur empfehlen sich einzulassen und das Gold dann zu heben. Es lohnt sich! Bin zur Zeit daran, viele Ihrer Bücher nochmal zu lesen, weil ich in ihnen soviel neues und kostbares wiederentdecke.
    Gruß
    Hüseyin

  3. 3. Hueseyin Says:

    Für alle, die mehr über die Birkenbihl “Sprachen lernen”-Methode wissen möchten, gibt es ein kostenloses PDF auf der birkenbihl-insider.de Webseite.
    Oder einfach auf den unteren Link klicken.
    Grüße
    Hüseyin

    http://www.birkenbihl-insider.de/PDF/AuszugNeuesStrohImKopf.pdf

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